Am Anfang war der Lärm

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Jochen Hülder ist tot. Ohne ihn wäre dieses Buch nie geschrieben worden. Ohne ihn hätte es diese grandiose Rockband nie gegeben. Ohne ihn wäre Deutschland ein Stück ärmer. Diese Zeilen muss ich vor die Rezension des Buches “Am Anfang war der Lärm” setzen.

Dem Spiegel-Journalisten Phillip Oehmke gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit sich dem Phänomen “Die Toten Hosen” zu nähern. Seit Jahren gehört er zum inneren Kreis der Band. Oehmke beschreibt detailliert und mit Gefühl den Spagat der Musiker zwischen Spass haben und einer gesellschaftlichen Wirkung, der sie sich schon lange nicht mehr nicht entziehen können. Entstanden aus einer jugendlichen Rebellion gegen die Vätergeneration und mit dem Anspruch des anarchischen Protestes und des Zelebrierens von Spass um jeden Preis, entwickelten sie sich zu der führenden und erfolgreichsten deutschen Rockband. Diesen Weg wollten nicht alle mitgehen. Trini Trimpop ging als Schlagzeuger in einer Phase, als sich der wirtschaftliche Erfolg langsam einstellte.

Phillip Oehmke ist ein Insider, Fan der Band und zugleich distanzierter Journalist. Sein Buch ist mehr als nur eine weitere Biographie. Es bindet die Entwicklung der Band in die zeitgeschichtlichen Abläufe ein und beschreibt diese komplizierte wechselseitige Beinflussung. Dazu befragte er nicht nur die noch aktiven Musiker, sondern auch viele Weggefährten. Trini Trimpop, den langjährigen Produzenten John Caffery, Wolfgang “Wölli” Rohde, den Drummer. Auch Musiker der “Ärzte” kommen zu Wort, der Band, mit der die “Hosen” eine sorgsam gehegte jahrelange Feindschaft pflegten. Doch Oehmke geht tiefer. Ausführlich beleuchtet er die Punkszene im Düsseldorf der 80-er Jahre, den legendären “Ratinger Hof”, Bands aus dieser Zeit, in der Campino & Co ihre ersten musikalischen Schritte wagten.

Diese Entwicklung wäre ohne Jochen Hülder nicht möglich gewesen. Keine Idee war ihm zu verrückt, um sie nicht zu realisieren. Er und der Tourmanager Kiki Ressler, dazu Sicherheitschef Manfred “Manni” Meyer, sie waren von Beginn an an der Seite der Band. Ihnen widmet Phillip Oehmke in seinem Buch viel Raum, was dieses Werk aus der Masse der DTH-Publikationen positiv heraus hebt.

Ich gebe zu, ich bin seit Jahrzehnten ein Fan der Band, war auf mehreren Konzerten und besitze eine umfangreiche CD-Sammlung. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft eine der besten Platten der Rocker, “Opium fürs Volk”. Doch dieses Buch ist nicht nur für Fans geschrieben. Es gibt detailreich  Einblick in die Geschichte deutschen Punkrocks und gleichzeitig der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse in den 80-ern und 90-ern. Insofern ist es auch ein amüsant geschriebenes Geschichtsbuch.

Phillip Oehmke beschreibt das Innenleben einer Band, die heute Umsätze wie ein mittelständisches Unternehmen erwirtschaftet, wo jeder der Chef ist und lässt von den Musikern erklären, wie dies nach mehr als 30 Jahren immer noch funktionieren kann.

Jochen Hülder lebt nicht mehr. Sein Werk lebt weiter, nicht nur durch die “Toten Hosen”. Sein Geschäftssinn und seine unkonventionelle Denkweise revolutionierten das deutsche Rockbusiness. Der Beweis sind die Düsseldorfer Kultrocker. Phillip Oehmke hat auch dem Musikmanager mit seinem Buch posthum ein Denkmal gesetzt.

 

Hier noch ein lesenswerter Nachruf des Journalisten und Autors:

http://www.spiegel.de/kultur/musik/die-toten-hosen-manager-jochen-huelder-gestorben-a-1013276.html