Der Wiener Zentralfriedhof

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Den Wienern wurde schon immer eine besondere Beziehung zum Tod nachgesagt. Diese spezielle Mischung aus Melancholie, Morbidität und Leben spürt der Besucher intensiv während eines Bummels auf dem Zentralfriedhof der Donaumetropole. Der Friedhof ist der flächenmäßig zweitgrößte Europas. Hier lässt es sich beim Flanieren auf den weiten, von alten Bäumen eingefassten Alleen ungestört seinen Gedanken nachhängen. Scheinbar endlose Reihen mit Gräbern säumen den Weg, vergangenes Leben, ausgehaucht und vom Tod genommen. Langsam bahnt sich der Gedanke an die Endlichkeit des eigenen Ich`s seinen Weg in das Bewusstsein. Was passiert, wenn ich an der Reihe bin und mein Leben zu Ende geht? Was wird von mir bleiben, einige Texte, Bücher, Erinnerungen bei den Hinterbliebenen?

Ich schlendere langsam an den Grabsteinen vorbei in Richtung der Ehrengräber. Wiener Prominenz, Kammersänger, Bildhauer, Poeten, Dichter und Schauspieler fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Wie viel Kreativität liegt hier begraben, denke ich bei mir. Falco, die österreichische Pop-Ikone, fand hier nach seinem bewegten und viel zu kurzem Leben seine Ruhe. Ein Wallfahrtsort seiner Fans, die sich nicht entblöden, ihn nachzuäffen und das per Foto festzuhalten.

Eher staatsmännische Ruhe erlebe ich vor der Friedhofskirche. Hier fanden in einem Rondell alle Staatspräsidenten Österreichs nach dem 2. Weltkrieg ihre letze Ruhestätte. Auch die Musikantenecke ist ihren Besuch wert. Wien, die Weltstadt der Musik, lebt in meiner Erinnerung wieder auf. Unter den mehr als mannhohen Grabsteinen liegen die Gebeine von Vater und Sohn Johann Strauß, Beethoven, Brahms, Mozart, Schubert und Gluck, geballte Wiener Musikalität. Hier steht auch der berühmte weiße Flügel von Udo Jürgens, übersäht von Blumen und handgeschriebenen Nachrufen, die von der tiefen Trauer seiner Fans künden.

Wer will, kann an diesem Ort der Erinnerung einen ganzen Tag verbringen und einen Spaziergang entlang der Weltreligionen unternehmen. Juden, Buddhisten, die Glaubensrichtung des Islam, selbst die Mormonen haben hier ihre eigenen kleinen Friedhöfe. Außerdem finden Sie hier Grabstätten der griechisch-orthodoxen, serbisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Kirche sowie der Kopten.

Besonders berührend ist der Bereich der toten Kinder. Hier wird der plötzliche Kindstod plastisch und aus der Anonymität einer trockenen Berichterstattung heraus gerissen. Er bekommt ein Gesicht, wenn auch nur in Form einer Grabstätte.

Auf dem Wiener Zentralfriedhof wird auch der Toten der beiden Weltkriege und der sowjetischen Soldaten, die bei der Befreiung Wiens ihr Leben ließen, gedacht.

Architektonisch interessant sind die Alten Arkaden, von denen eine breite Allee entlang großer Grabsteine begüterter Wiener zur Friedhofskirche führt, die von den Neuen Arkaden links und rechts eingerahmt wird. Vor der Kirche befinden sich als Rondell die Grabstätten der verstorbenen Bundespräsidenten.

Ich wandere durch die riesigen Grabsteine des 18. und 19. Jahrhunderts zurück in Richtung Ausgang. Deutlich ist hier eine Veränderung zu den kleinen und eher schmucklosen Gräbern des letzten Jahrhunderts und der heutigen Zeit zu sehen.

Wer möchte, kann auch noch das Museum rechts vom Haupteingang besuchen und sich über die Arbeit auf dem Friedhof und im Krematorium informieren. Links des Eingangs lädt der Park der Ruhe und Kraft zum Meditieren ein.

krähe

Ich sitze rauchend auf einer Bank und sehe den Krähen zu, die sich auf den Wipfeln der alten Bäume niederlassen. Es ist irgendwie ein passendes Bild. Melancholie hat mich ergriffen und ich spüre intensiv die Morbidität dieses beeindruckenden Friedhofes.

Nach 5 Stunden verlasse ich diesen Ort der Erinnerung und Besinnung und fahre mit der Straßenbahn 71 zurück in Richtung Wiener Zentrum. Nachdenklich und doch mit einer inneren Gelassenheit kehre ich in das Leben zurück. Denn meine Zeit ist noch nicht gekommen. Doch die Frage, was bleibt irgendwann von mir, beschäftigt mich intensiver als vor diesem Friedhofsbesuch.

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