Die Gerichtsmedizinerin

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Sie kommen an den Tatort, werfen einen Blick auf die Leiche und sagen den Ermittlern den genauen Todeszeitpunkt und die detaillierte Todesursache. Diesen Eindruck vermitteln Krimis dem Laien über die Arbeit von Rechtsmedizinern. Die Wahrheit über diesen verantwortungsvollen und spannenden Beruf ist jedoch völlig anders. Oft brauchen Rechtsmediziner Tage, ehe sie die relevanten Fakten zweifelsfrei ermittelt haben. Langwierige Untersuchungen mit modernsten Geräten, Leichenöffnungen und pathologische Tests sind nötig, ehe feststeht, wie ein Mensch sein Leben verlor.

Dr. Elisabeth Türk war als Gerichtsmedizinerin in Deutschland und England tätig. In ihrem Buch geht sie auch auf die unterschiedlichen Rechtssysteme in beiden Staaten ein. Sie beschreibt ausführlich ihre Tätigkeit als Gutachterin für Gerichte. Und sie verhehlt auch Enttäuschungen nicht. Als Gutachterin ist sie zur Neutralität verpflichtet. Doch sie ist auch nur ein Mensch mit eigenen Gefühlen und Empfindungen. Der Freispruch eines Täters aufgrund der Aussagen eines externen technischen Gutachters ist eine tiefe Enttäuschung. Dabei hatte die Rechtsmedizinerin die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei nachgewiesen.

Die Autorin beschreibt jedoch auch einen entgeegengesetzten Fall. In akribischer und mühevoller Kleinarbeit rekonstruierte sie einen Tatablauf und konnte das Gericht davon überzeugen, dass der Angeklagte niemals der Täter sein konnte. Dadurch bewahrte sie den Familienvater vor einer langen Haftstrafe.

Co-Autor des Buches ist Ulf G. Stuberger, einer der profiliertesten deutschen Rechts-Journalisten. Das Buch ist durch ihn nicht nur eine Sammlung spektakulärer Fälle, sondern auch ein Plädoyer für notwendige Änderungen. In Deutschland darf jeder Arzt einen Totenschein ausfüllen. Experten vermuten Tausende nicht entdeckte Todesfälle durch Fremdeinwirkung im Jahr. Durch Fremdeinwirkung bedeutet rechtlich Mord, Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge. Verbrechen, die ungesühnt bleiben. Auch deshalb, weil die gerichtsmedizinischen Kapazitäten in Deutschland schon lange an ihre Grenzen stoßen. Es wird abgebaut statt ausgebaut.

Dieses Buch zieht den Leser in die Abgründe menschlicher Psyche und lenkt seine Aufmerksamkeit zugleich auf die Bedeutung der Gerichtsmedizin für andere medizinische Bereiche. So manche Erkenntnisse der Rechtsmediziner finden heute auch in der Allgemein- sowie Fachmedizin ihre Anwendung.

Das Buch mit seinen 256 Seiten ist leicht verständlich geschrieben. Fachbegriffe werden erklärt und lassen den Leser nicht ratlos zurück. Ich kann es nur empfehlen.

 

Elisabeth Türk/Ulf G. Stuberger

Die Gerichtsmedizinerin

Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-499-63008-8