20 Jahre in der Hotellerie, eine Leseprobe aus meinem neuen Buch, vorab und exklusiv

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Der Schamane und mein neues Leben

Die verrücktesten Dinge passierten mir immer in den Nachtschichten. Sind Sie schon einmal nächtelang von einem Schamanen verfolgt worden? Der junge Mann sah in mir ein ideales Medium. Es gelte, mich in die geheimnisvollen esoterischen Bahnen zu lenken, die mein Leben nachhaltig verändern würden. So verbrachte er nächtelang in meiner Nähe, studierte mein Verhalten und murmelte geheime Formeln. Sogar hinter die Rezeption, in mein Refugium, wollte er kommen. Hier, ganz nahe an mir, könne er meine Seele noch intensiver beeinflussen. Ganz ehrlich, der Mann wurde mir unheimlich. Sah ich seinen Namen wieder auf der Anreiseliste, ging ich innerlich schon in Abwehrhaltung. Zudem schlich er sich immer gebeugt wie ein Raubtier an, um mich dann, wenn möglich, zu erschrecken.
Eines Nachts fragte ich ihn, wie lange er noch brauche, um meine Seele und mein Wesen zu erforschen. Seine Antwort verblüffte mich. Ich sei schon einen langen Teil des Weges meiner Seelenwanderung gegangen, erklärte er mir ernsthaft. Nur warum spürte ich keine Veränderung in mir? Wieder verblüffte er mich. Das sei völlig normal, die Veränderung würde langsam, doch dafür sehr nachhaltig erfolgen.
Nachhaltig war nur meine Erleichterung, als der Schamane nicht mehr auftauchte. Ob er etwas in mir verändert hat? Ja! Noch einmal würde ich so einen Menschen nicht so lange in meiner Nähe zulassen. Am Anfang war ich neugierig, was passieren würde. Es kostete mich kein Geld, dafür war ich für den Schamanen ein sehr preiswertes Untersuchungsobjekt.
Nur eine Frage habe ich immer noch. Was hat er in mir entdeckt, dass er nächtelang in meiner Nähe verbrachte?

Scheintot oder nur makaber?

Die junge Auszubildende war erst die zweite Woche in der Zimmerreinigung eingesetzt. Jetzt stand sie zitternd und kreidebleich an der Rezeption. „Ein Toter…“, flüsterte sie und brachte die Worte kaum heraus. Meine Empfangschefin versuchte die junge Frau erst einmal zu beruhigen und schickte mich in das Zimmer. Tolle Idee. Als ich das Zimmer betrat, mussten sich meine Augen erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen. Die Gardinen waren voll zugezogen, es war stickig und warm. Auf mein „Hallo“ erfolgte keine Reaktion. Langsam trat ich an das Bett heran. Schemenhaft sah ich einen Kopf, leicht zur Seite gedreht, auf dem Kopfkissen. Unter der Bettdecke steckte ein massiger Körper. „Hallo“. Wieder keine Reaktion. Vorsichtig berührte ich das Gesicht und prallte erschrocken zurück. Es war pelzig. Mit einem Ruck zog ich die Vorhänge auf und schlug die Bettdecke zurück. Mein Herz schlug vor Aufregung bis zum Hals.
Nur langsam konnte ich mich beruhigen. In dem Bett lag ein riesiger Plüschaffe in der Größe eines erwachsenen Mannes. Nachdem ich die Fenster weit geöffnet hatte, verließ ich das Zimmer.
An der Rezeption hatte sich die Auszubildende immer noch nicht beruhigt. Die Anspannung war förmlich mit Händen zu greifen und ließ nur allmählich nach, nachdem ich das Rätsel aufgelöst hatte.
Der Gast jedoch, am Abend auf den Vorfall angesprochen, konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Solche makabren Scherze, sagte er, mache er regelmäßig in Hotels und freue sich dann immer auf die Reaktionen des Personals.